Was liest DU?
Wöchentlich veröffentlicht die Westdeutsche Allgemeine Zeitung Literatur-Empfehlungen der lokalen Buchhandlungen und der Bibliothek. Hier finden Sie unsere jüngsten Beiträge:
Volker Rippmann: Wahnsinnig schön. Die verrückte neue Welt der Schönheitschirurgie
Dr. Volker Rippmann scheint seine Arbeit als plastischer Chirurg mit Praxen in Berlin und Köln sehr zu mögen und schreibt sehr lebendig darüber. Er schaut aber auch kritisch auf das ein oder andere Phänomen, das ihm in seinem Alltag begegnet.
Woher kommt der aktuelle Beauty-Hype? Was ist eigentlich schön und wer bestimmt das? Und welche Wünsche sollte ein Arzt vielleicht lieber unerfüllt lassen?
Als Arzt akzeptiert er wertfrei jeden noch so absurden Wunsch und versucht, diesen im Rahmen seiner Grenzen zu erfüllen. Er hinterfragt aber auch kritisch die Normen von Ästhetik und Schönheit und den Einfluss der sozialen Medien, in denen Influencer profitabel ihren „geschönten“ Körper als Statussymbol vermarkten. Sein Buch informiert sehr aktuell und enthält praktische Tipps zu geplanten OPs als Entscheidungshilfe. Man kann bei der Lektüre aber auch einfach nur staunen, sich amüsieren und erschrecken.
Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus
Das Motiv für dieses Buch liegt in der Biografie des Autors begründet. Die Eltern, Charles Regnier (1914-2001) und Pamela Wedekind (1906-1986), haben als Schauspieler die NS-Diktatur miterlebt und der am 6. Januar 1945 geborene Sohn fragt sich, warum sie über diese einschneidende Erfahrung ihres Lebens später so beredt geschwiegen haben? Dieses Schweigen verbindet sie mit Millionen Deutschen, denn in den 1950er und 1960er Jahren wollte sich kaum jemand dem moralisch äußerst fragwürdigen Verhalten der Menschen in den Jahren 1933 bis 1945 offen stellen, schon gar nicht der Verantwortung für die Entrechtung, Ausraubung, Vertreibung, Deportation und Ermordung der jüdischen Mitbürger.
Um Antworten auf seine Fragen zu erhalten, hat Anatol Regnier viele Bücher zum Thema gelesen und vor allem in Archiven die Nachlässe von Schriftstellern ausgewertet. Was er im Laufe seiner jahrelangen Recherchen herausgefunden hat, stimmt ausgesprochen traurig. Denn die vermeintlichen Geistesgrößen erweisen sich bei genauem Hinsehen als genauso politisch verblendet, illoyal, opportunistisch, karrieresüchtig, intrigant und antisemitisch wie die meisten anderen Menschen in vielen Epochen – allerdings in diesem Fall unter einer brutalen Diktatur mit verheerenden Auswirkungen. Ob nun Gottfried Benn, Hans Fallada, Gustaf Gründgens, Erich Kästner und Ina Seidel, die man heute noch kennt, oder Rudolf G. Binding, Hans Friedrich Blunck, Hans Grimm, Hanns Johst, Agnes Miegel, Börries von Münchhausen und Will Vesper, die damals als Bestsellerautoren erfolgreich waren, aber heute zu Recht vergessen sind: je näher man sie ansieht, um so distanzierter blickt man auf sie zurück. Sympathisch erscheinen nur die Emigranten wie Thomas, Heinrich und Klaus Mann, Alfred Döblin, René Schickele und Carl Zuckmayer, die jedoch im Nachkriegsdeutschland lange umstritten blieben, oder Dissidenten wie Jochen Klepper und Ernst Wiechert, deren Schicksal erst spät beachtet wurde. Doch letztlich schrieb und handelte jeder für sich allein, wie es der Titel in Anlehnung an Hans Falladas berühmten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ (zensiert erstmals 1947 veröffentlicht, vollständig erst 2011) auf den Punkt bringt: eine Gemeinschaft entstand weder im nationalsozialistischen Deutschland noch im weltweiten Exil.
Das Buch ist mit großem Fleiß recherchiert. Der Autor urteilt fundiert und nie mit einem erhobenen Zeigefinger – an vielen Stellen überlässt er das Urteil lieber dem Leser. Das macht – in Verbindung mit einem ebenso präzisen wie feinfühligen Schreibstil, der auch Raum für Ironie lässt – seine Darstellung so besonders lesenswert. Als gedrucktes Buch und als e-book ist es im Bestand der Stadtbibliothek ausleihbar.
Abdel-Hafed Benotman: Müllmann auf Schafott
Abdel Hafed Benotman (1960 - 2015) war ein französischsprachiger Schriftsteller algerischer Herkunft. Er wurde mehrmals wegen Diebstahls und Banküberfällen inhaftiert. Später wurde er als Autor von Kriminalromanen, Kurzgeschichten, Gedichten, Theaterstücken bekannt und für sein Engagement im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und gegen Rassismus in Frankreich ausgezeichnet.
In seinem Roman „Müllmann auf Schafott“ beschreibt er das Leben eines Jungen mit arabischem Migrationshintergrund in Paris. Die Geschichte von Faraht Bounoura, genannt Fafa, steht exemplarisch für die gescheiterte Integration junger Menschen in den französischen Banlieues. Fafas Vater prophezeit ihm, dass aus ihm nichts werden wird, höchstens ein Müllmann. Seine aus Algerien migrierten Eltern können ihm nicht helfen. Fafa sucht sich selbst einen Platz in der Gesellschaft und wird eine gefürchtete Person auf der Straße. Der Autor gibt authentische Einblicke in die Welt der Widersprüche der unterschiedlichen Kulturen und erwähnt Gründe des Scheiterns junger Menschen in Städten wie Paris. Humorvoll erzählt er die tragikomödiale Geschichte einer Außenseiterkarriere eines jungen Freiheitskämpfers und ermöglicht einen besonderen Blick in die Realität, ohne sie dabei zu verklären.
Äußerst empfehlenswert zu lesen auch im Hinblick auf die Integrationsdebatte in unseren Städten.
Anne Iburg: Ist das noch gut oder muss das weg?
Jedes Jahr landen in Deutschland 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, davon etwa 40 % aus Privathaushalten. Ein Überangebot an Lebensmitteln, der Preisverfall und Schnäppchenjagen fördern ein Konsumverhalten hin zur Wegwerfgesellschaft.
Viele Lebensmittel landen in der Mülltonne, nicht weil sie verdorben sind, sondern weil sie nicht mehr so appetitlich aussehen. Und vieles davon ist noch genießbar.
Ein Plädoyer für mehr Nachhaltigkeit ist, Lebensmittel wieder mehr wertzuschätzen, das eigene Einkaufsverhalten zu überdenken, Lebensmitteleinkäufe richtig zu planen, eine sinnvolle Vorratshaltung, die richtige Lagerung und Aufbewahrung.
Dieser praktische Ratgeber enthält Basiswissen rund um das Thema Verderblichkeit von Lebensmitteln, viele konkrete Tipps und Rezeptvorschläge zur Resteverwertung.
Dirk Steffens/Fritz Habekuss: Über Leben - Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden
Wer rettet die Vielfalt? Dirk Steffens, aus vielen Terra X Sendungen bekannter Wissenschaftsjournalist, und der Zeit-Redakteur Fritz Habekuß gehen in diesem Buch der Frage nach, ob und wie das globale Artensterben auf unserem Planeten gestoppt werden kann.
Die Expansionslust des Menschen führt zu immer weiter fortschreitender Zerstörung der Natur und zum Verlust an Biodiversität. Während im ersten Teil Beispiele für die Biodiversitäts- und Klimakrise genannt werden, die sich gegenseitig verstärken, suchen die Autoren im zweiten Teil nach Lösungen und machen Vorschläge, wie eine ökologische Transformation der Gesellschaft erreicht werden kann.
Obwohl der moderne Mensch mit der größten Krise konfrontiert ist, ist Optimismus Pflicht.
Die Autoren sehen durch Verzicht auf übertriebenes Wachstum und krankhaften Konsum einerseits und aktiven Umweltschutz durch Anreize und Verbote andererseits eine Lösung des Problems.
Vertiefende Informationen bietet ein weiterführendes Literaturverzeichnis am Ende des Buches.
Oliver Jeffers: Die Fabel von Fausto
Fausto ist hochmütig, gierig und absolut von sich selbst überzeugt. Er meint, ihm gehöre alles und er will alles besitzen, auch die Natur. Wenn das nicht so einfach klappt, wird er zum allseits bekannten Rumpelstilzchen, stampft mit den Füßen, schreit und tobt, bis nachgegeben wird. Ohne nennenswerten Widerstand hat er bereits eine Blume, ein Schaf, Baum und Feld, Wald, See und Berg in seinen Besitz gebracht. Nun will er auch noch das Meer. Das ist aber dummerweise so gar nicht beeindruckt von Tobsuchtsanfällen, Geschrei und stampfenden Füßen. Fausto geht im Meer unter, dieses schlägt über ihm zusammen und niemanden kümmert es. Die Welt dreht sich weiter, auch für Blume, Schaf und seine anderen Besitztümer.
Die als Fabel erzählte Geschichte ist beeindruckend. Der Autor reduziert Text und lithografische Illustrationen auf ein Minimum, was die Geschichte umso wirkungsvoller werden lässt. Schon kleine Kinder werden verstehen, warum Fausto scheitert und der erwachsene Leser erkennt in diesem Lehrstück über Gier, Machtmissbrauch und Arroganz einmal mehr, dass wir Menschen nicht der Nabel der Welt sind und nebenbei – es kann nie schaden, schwimmen zu können. Die Geschichte von Fausto ist auch optisch ein Genuss: schön gestaltet und zu Recht von der Stiftung Buchkunst in diesem Jahr zu einem der schönsten Bücher erklärt.
John von Düffel: Der brennende See
Der Autor ist ein großer Freund des Wassers und ein leidenschaftlicher Schwimmer. So verwundert es nicht, dass er in seinem neuen Roman einen Bagger-See in den Mittelpunkt stellt. Ihn nutzt Hannah, die weibliche Hauptfigur, um darin zu schwimmen – in Erinnerung an ihren verstorbenen Vater, einen bekannten Schriftsteller. Zu seinem Begräbnis ist die junge Frau in die norddeutsche Kleinstadt zurückgekehrt, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Sie begegnet Menschen aus ihrer Vergangenheit, bleibt jedoch eine Fremde. Jedem der neun Kapitel ist ein Wetterbericht vorangestellt, der für die Tage vom 21. bis zum 24. April außergewöhnlich hohe Temperaturen meldet. Die große Trockenheit und Dürre setzt der Natur zu und natürlich auch dem See. Der Grundwasserspiegel sinkt immer weiter und wird in naher Zukunft die Rationierung des Trinkwassers erzwingen. Junge Klimaaktivisten kämpfen gegen die Ruinierung der Umwelt, doch sie scheitern an der Ignoranz der Politiker und der braven Bürger, die ihren persönlichen Interessen und egoistischen Neigungen nachgehen. Ein bewegender und spannender Roman, der in Zeiten von CORONA darauf aufmerksam macht, dass noch weitaus größere Probleme auf uns warten, wenn wir nicht handeln.