Ein Platz für alle!? - Neue Verkehrskonzepte für die Stadt
Das Modell des Bahnhofsvorplatzes mit der auf zwei Fahrspuren zurück gebauten Mercatorstraße und einer neuen Bauzeile im jetzigen Straßenraum zeigte die Umsetzung aus Fosters Masterplan für die Innenstadt. Zu breite und zu große Verkehrsräume werden zurückgebaut, die gewonnen Flächen stehen zur Verfügung und ermöglichen "Platz für alle".
Der Opernplatz ist seit 2007 bereits umgestaltet. Wie dieser und drei andere, 2010 fertig gestellte Plätze in Großenbaum, Rheinhausen und Hamborn funktionieren, wie sie angenommen werden und wie die Verkehrsteilnehmer sie nutzen, wurde in einer Studie ermittelt.
Unter der Fragestellung "wie kommen die Plätze bei den Nutzern an, werden die gesteckten Ziele erreicht?" stellte Marc - Lucas Schulten, der die Untersuchung im Auftrag der Stadt Duisburg mit seinem Büro Ende 2011 erstellte und dafür Nutzer und Verkehrsexperten befragte sowie Verkehrsbeobachtungen machte, die Ergebnisse vor. Vor der Umgestaltung waren die Straßenräume teils vierspurig, und hatten die Aufgabe, den motorisierten Individualverkehr, kurz MIV, abzuwickeln. Alle anderen Anforderungen an den Raum ordneten sich unter. Mit der Umgestaltung wurde das Ziel verfolgt, alle Funktionen des Raums, Aufenthaltsqualität, städtebauliche Gestaltung, Sicherheit und Barrierefreiheit, Stärkung der Nahmobilität, Treffpunkt und Leistungsfähigkeit des MIV, gleichberechtigt zu ermöglichen. Er unterschied in seiner Analyse zwei Typen von Plätzen: Der Opernplatz ist als gepflasterte Einheit auch baulich sofort erkennbar und unterscheidet sich von einer normalen Straße; der "Typ Rheinhausen" ist durch die Asphaltierung der ehemaligen Fahrbahn und die Pflasterung der Seitenbereiche nicht sofort als einheitlicher Platz erkennbar. Marc - Lucas Schulten kam zu folgendem Resümee: Insgesamt sind die Plätze ein guter Erfolg für die Stadt, der Großteil der Befragten möchte mehr solcher Plätze in Duisburg. Wichtig für das Funktionieren der Plätze, die in Duisburg einheitlich durch das Verkehrszeichen "Verkehrsberuhigter Bereich" geregelt sind, ist die Erkennbarkeit. Die Platzgestaltung muss die notwendigen Verhaltensweisen erkennbar machen, das funktioniert am Opernplatz sehr gut, in Rheinhausen mit der asphaltierten Fläche weniger gut. Die Studie ermittelte, dass die Unfallzahlen auf den Plätzen keine signifikanten Veränderungen zeigten. Durch Gestaltung der Plätze, die Wahl einheitlicher Beläge, die Länge und Aufteilung des Platzes, müssen die geltenden Verkehrsregeln für alle Verkehrsteilnehmer eindeutig verständlich sein. Als Manko zeigte sich in der Nutzerbefragung, dass die Kenntnisse der Verkehrsregeln unzureichend sind. Die Gleichberechtigung gilt für alle, ebenso wie die gegenseitige Rücksichtnahme. Besonders Radfahrer zeigten hier ein deutliches Defizit und kreuzten die Fahrbahn ohne Sichtkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern aufzunehmen.
Die eingeladenen Experten diskutierten anschließend die Erkenntnisse aus der Studie. Bürgermeister Manfred Osenger, einer der Väter der Einführung der "Shared Spaces" in Duisburg, beschrieb, wie er in Drachten und Kevelaer diese Art der Verkehrsabwicklung als ein "äußerst rücksichtvolles Miteinander" kennengelernt hat. Diese Idee wollte er auch in Duisburg umsetzen, um die Kommunikation und die Begegnungsmöglichkeiten in der Stadt zu verbessern. Dr. Michael Frehn, Verkehrsplaner, der das Verkehrskonzept für die Duisburger Innenstadt erstellt hat, betonte, dass der Opernplatz in Duisburg bundesweit Anerkennung findet und zeigt, dass eine solche Verkehrsgestaltung funktioniert: Dazu bedarf es nur einiger Bedingungen: Die Fußgängerfrequenz muss so hoch sein, dass die Autofahrer erkennen, dass sie langsam fahren müssen und der Kraftfahrzeugverkehr darf nicht zu hoch sein. "Der Opernplatz ist ein positives Beispiel für einen Shared Space." Beatrice Kamper, Abteilungsleiterin Stadtplanung, wies auf die städtebaulichen Gewinne dieser Platzges-taltungen hin. "Früher waren diese zentralen Stadtbereiche durch Straßen zerschnitten. Jetzt sind die Räume sehr viel attraktiver geworden, Kommunikation wird gefördert, in Großenbaum ist der Leerstand am Platz beseitigt, Gastronomie und neue Geschäfte beleben den Stadtteil, das kann man auch in Hamborn und an den anderen Plätzen beobachten." Dr. Roman Suthold, Vertreter des ADAC, ergänzte, "nicht die Autos haben das Portemonnaie, sondern die Menschen, die Fußgänger. Sie sind wichtig zur Belebung der Städte. Die Verkehrsberuhigung ist dort richtig und wichtig, wo das Umfeld stimmt."
Die Diskussion um die richtige verkehrsrechtliche Regelung auf den Plätzen eröffnete unterschiedliche Positionen: "Die Gestaltung des Platzes muss sich von selbst erklären, dann funktionieren diese Plätze auch," vertrat Dr. Suthold die reine Lehre. Und Herr Schulten ergänzte: "Es ist nicht mutig, alles mit Schildern zu regeln. Es ist mutig, Verkehr ohne Schilder sicher zu regeln." Welche Beschilderung ist richtig, verkehrsberuhigter Geschäftsbereich mit einer Tempo 20 Zone, verkehrsberuhigter Bereich, wie Duisburg es macht, gar keine Beschilderung, wie es die reine Lehre der Shared Space Theorie vorsieht oder gar eine Forderung an die Politik, ein neues Verkehrszeichen in die STVO aufzunehmen, das hier für Klarheit sorgen kann? Vorbild könnte hier das Schweizer Verkehrszeichen "Begegnungszone" sein. Bea Kamper brachte das "Duisburger Modell" in die Diskussion um die richtige verkehrsrechtliche Einordnung ein: "Mit der Beschilderung als verkehrsberuhigter Bereich regeln wir die gewünschte Gleichberechtigung und die Schrittgeschwindigkeit. Das möchten wir an allen Stellen nach dem gleichen Modell machen. So gibt es Klarheit und wir erziehen die Verkehrsteilnehmer zu den richtigen Verhaltensweisen." Einig waren sich die Experten, dass eine Schilderflut nicht unbedingt für Klarheit bei den Verkehrsteilnehmern sorgt. Dr. Roman Suthold erläuterte, dass in einigen Kommunen nach einer Verkehrsschau, einer Bestandsaufnahme des Schilderwalds, 30 - 50 % aller Schilder abgehängt werden konnten, ohne Folgen für den Verkehr.
In Duisburgs Innenstadt sind zwei weitere Verkehrsräume für eine Umgestaltung vorgesehen. Die Mercatorstraße wird mit der Gestaltung des Bahnhofsplatzes und dem Neubau einer Gebäudezeile von vier auf zwei Fahrspuren reduziert. Hier wird man von den Erkenntnissen der Untersuchung der Duisburger Plätze profitieren und eine eindeutige und verständliche Gestaltung planen. "Der Durchgangsverkehr auf Duisburger Stadtstraßen in der Innenstadt ist mit 25 - 30 % deutlich höher als in anderen vergleichbaren Großstädten. Die parallel verlaufenden Autobahnen können hier Entlastung bringen. Die Reduzierung von Fahrspuren und die Ge-schwindigkeitsreduzierungen sind für die Stadt machbar und bringen die gewünschten Effekte," erläuterte Dr. Frehn. Weitere Plätze in Stadtteilen zu gestalten dürfte aufgrund der hohen Kosten recht schwierig werden, "Haushaltssanierung hat Vorrang," gab Manfred Osenger zu bedenken. Es kann dort funktionieren, wo große private Investments Kosten übernehmen. Straßen für die Bürger zur Begegnung zu nutzen lässt sich aber auch mit temporären Maßnahmen mit geringen finanziellen Aufwendungen machen. Auch so kann, zumindest für einen Zeitraum, Verkehrsfläche für die Menschen genutzt werden. "Das Thema Lebensqualität ist für die Menschen in der Stadt wichtig geworden," fasst Roman Suthold zusammen. "Von der autogerechten Stadt der 70er Jahre hin zur menschengerechten Stadt ist das erstrebenswerte Ziel."
| Impulsreferat | Marc-Lucas Schulten: Platzerfahrungen - Präsentation der Ergebnisse einer ersten Nutzer- und Expertenbefragung zu den Duisburger verkehrsberuhigten Plätzen |
| Gesprächs-teilnehmer |
Manfred Osenger, Bürgermeister Dr. Ing. Michael Frehn, Stadt- und Verkehrsplaner Beatrice Kamper, Abteilungsleiterin Stadtplanung Dr. Roman Suthold, ADAC Nordrhein, Leiter Verkehr und Umwelt |
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Moderation |
Willi Mohrs, Journalist |
Weitere Informationen zum Herunterladen:
- Präsentation "Platz für alle!?" Erste Platzerfahrungen
(PDF-Datei / 1,86 MB) - Platz für alle!? Erste Erfahrungen mit den barrierefrei Umgebauten Plätzen in Duisburg
(PDF-Datei / 1,78 MB)



